Denkzeichen zur Erinnerung an jüdisches Leben und Leiden im Nationalsozialismus

20. Mai 2014, 13:25

1. Einführung
Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V. plant seit längerem „Denkzeichen“ für Dresden. Die »Denkzeichen« sollen verschiedene Orte dieser Stadt, die mit jüdischem Leben und Leiden in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft verbunden sind, bekannt machen. Sie sollen die Vorübergehenden im Alltag erreichen, Anstöße vermitteln und zum Wahrnehmen anregen. Die ersten Denkzeichen sind aufgestellt, zehn weitere sind geplant und werden je nach Unterstützung realisiert. Ziel ist, diese Orte in die Erinnerungskultur der Stadt einzubeziehen. Der Stadtrat hatte am 26.8.2008 die organisatorische Unterstützung des Vorhabens beschlossen. Zu den einzelnen Denkzeichen werden Partner aus der Nachbarschaft gesucht. Die Denkzeichen können die Geschichte natürlich nicht vollständig erzählen. Sie sollen aber neugierig machen und die Erinnerungskultur der Stadt bereichern.

Von der Idee zur Errichtung des Denkzeichens sind folgende Schritte nötig:

1. Kontakt zu Eigentümern der Gebäude oder Grundstücke aufnehmen, Nachbarn einbeziehen
2. Partner gewinnen für Pflege und Kontrolle
3. Spenden sammeln
4. Rechte für Bildwiedergaben einholen
5. Genehmigungsverfahren:
Sondernutzungsgenehmigung, Schachtschein /Stadtplanungsamt, DREWAG, Straßen-und Tiefbauamt
6. Gestaltung der Tafel
7. Fundament einbauen
8. Denkzeichen herstellen und errichten
9. Denkzeichen der Öffentlichkeit übergeben

Eine Infostele kostet etwa 1700 EUR. Mit Ihrer Spende können Sie helfen, die „Denkzeichen“ zu errichten und zu erhalten. Wenn Sie wünschen, erhalten Sie eine Zuwendungsbestätigung.
Bitte überweisen Sie Ihre Spende an:
Kontoinhaber: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden
Bank für Kirche und Diakonie – LKG Sachsen
IBAN: DE66 3506 0190 1611 6700 16
BIC: GENODED1DKD
Kennwort: “Denkzeichen”

2. Liste der ausgeführten und geplanten Denkzeichen

Bautzner Str. 20
Eines der letzten “Judenhäuser”. Das Haus beherbergte nach 1945 den ersten Betsaal und war Sitz der Jüdischen Gemeinde.

Schießgasse/Polizeipräsidium
Polizeipräsidium und Haftanstalt, die zwischen 1933 und 1945 von der Polizei und der Gestapo gemeinsam genutzt wurde.
Erinnerung an Horst Weigmann, der beim Versuch seine Mutter vor der Deportation zu retten, umkam.

Radeburger Straße
„Judenlager Hellerberg“
Nov. 1942 durch Gestapo, NSDAP und Goehlewerk eingerichtet. Am 2./3. März 1943 wurden die Insassen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. 1943 – 1945 Entbindungslager für Zwangsarbeiterinnen.

Borsbergstr. 14
Wohnung und Praxis von Dr. Willy Katz, dem einzigen zwischen 1938 und 1945 zugelassenen jüdischen Arzt in Dresden. 

Bayrische Str. 16, früher Bismarckstr. 16/18
Dresdner Leitstelle der Gestapo, von der die staatspolizeilichen Maßnahmen gegen die jüdischen Bürger Dresdens gesteuert wurden.

Altenzeller Str. 41
Ab 1940 eines der “Judenhäuser”, deren Bewohner im Laufe der Jahre 1942/43 deportiert wurden. 

Ziegelstr. 12
Der Verein “Schomre Hadas” richtete im Hinterhaus eine Mikwe (Ritualbad) ein, die 1938 zerstört wurde. (früher Ziegelstraße 54) 

Sporergasse 2
Haus des jüdisch-orthodoxen Vereins “Tomche Nizrochim” mit Betsaal und koscherer Fleischerei, 1940 bis 1945 eines der “Judenhäuser“

Karpatenstr. 20
Seit 1909 jüdisches Kinderferienheim, nach 1933 Ferienheim für Familien, 1938 zugunsten des Landes Sachsen enteignet. 

Am Kirschberg 19
Haus von Ehepaar Klemperer: 1932 Grundstück erworben, 1934 fertiggestellt, von 1940-45 mussten Klemperers in „Judenhäusern“ wohnen.

Fröbelstraße 1
1938 Zweigstelle der privaten Jüdischen Schule, nach Ausschluss der jüdischen Schüler und Schülerinnen aus allen anderen Schulen.

Heidestr. 4 / Großenhainer Straße
Goehle-Werk der Zeiss-Ikon AG, ab 1938 für die Rüstungsproduktion errichtet.

Großer Garten/ Blüherpark/ Brühlsche Terrasse
Vom 12.08.1940 an war es Juden verboten, den Großen Garten und andere Parks zu betreten. Kunstobjekt von Marion Kahnemann: Gläserne Bänke

Moritzstr. 1b
1885-1937 in der 1. Etage Fraternitasloge des Unabhängigen Ordens Bne Brith mit Schwesternbund. Betsaal für orthodoxe Gemeindegottesdienste

Oschatzer Str. 15
Vom Ehepaar Fanger erbautes und bis 1938 betriebenes Kaufhaus. Frau Fanger wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Beschreibung ausgewählter Denkorte

Polizeipräsidium und Haftanstalt, Schießgasse

Typ: Vitrine auf Fußweg
Arbeitsstand: realisiert

Inhalt:
„Wenn ihr euch meine Ängste in der Einsamkeit vorstellen könntet“
Das Gebäude des Dresdner Polizeipräsidiums wurde 1901 in Betrieb genommen. Zwischen 1933 und 1945 nutzten es Polizei und Gestapo als Untersuchungshaftanstalt und zum Vollzug von Freiheitsstrafen. Mit der Verlängerung der „Schutzhaft“ auf unbestimmte Zeit hatten sie ein Mittel, sogenannte Staatsfeinde willkürlich festzuhalten. Das Polizeipräsidium Dresden wurde zu einem Ort des Staatsterrors, an dem denunziert, entrechtet und gemordet wurde.
Die Einhaltung der diskriminierenden Verbote gegen die Juden kontrollierten Kriminalpolizei und Gestapo durch Streifen und Haussuchungen. In einem Bericht der Gestapo Dresden von 1935 heißt es aber auch: „Die rassische Politik und Propaganda stößt in vielen Bevölkerungskreisen auf Verständnis und ist bereits in vielen Fällen ein Ansporn zur Mitarbeit gewesen.“
Oft war das Untersuchungsgefängnis Zwischenstation für Transporte in ein Konzentrationslager, wie in der Nacht vom 9. zum 10. 11. 1938, als 151 jüdische Männer ins KZ Buchenwald deportiert wurden.
Es gab zahlreiche gewaltsame Todesfälle während der Haft. Otto Kastner, aus dessen Abschiedsbrief die einleitenden Zeilen stammen, nahm sich am 21.02.19938 hier im Gefängnis das Leben.

Bild: Zelle

„Judenlager Hellerberg“
Vitrine Hammerwege Ecke Radeburger Straße (Vitrine) und
Schaukasten im Haltestellenahaus Radeberger Straße Ecke Hechtstraße (St. Pauli-Friedhof )

Typ: Vitrine auf Fußweg, Schaukasten an der Haltestelle
Arbeitsstand: realisiert

Inhalt:
Das „Judenlager Hellerberg“ wurde am 23./24.November 1942 von der der Zeiss Ikon AG, der Dresdner Gestapo und der Kreisleitung der NSDAP eingerichtet. Es befand sich zwischen Hammerweg, Radeburger Straße und heutiger Stauffenbergallee. Die Gefangenen mussten im Rüstungsbetrieb Goehle-Werk der Zeiss Ikon AG auf der Großenhainer Straße Zwangsarbeit leisten. Am 27. Februar 1943 wurden Juden aus Erfurt, Halle, Leipzig, Plauen und Chemnitz in das Lager eingewiesen und das Lager zum „Polizeihaftlager“ erklärt. In der Nacht vom 2. zum 3. März wurden sie nach Auschwitz deportiert. .
Das Lager bestand aus 7 Baracken. In den drei Räumen der Baracken wurden jeweils 16 Personen untergebracht.
Am 23. und 24. November wurden die 293 Juden, Familien und Einzelne, aus ihren Wohnungen geholt und mit dem gestatteten Gepäck zuerst auf die Fabrikstraße in die städtische Entseuchungsanstalt, und danach mit Lastwagen zur Radeburger Straße gebracht in Baracken in einer Kiesgrube. Die Einrichtung des Lagers wurde vom Dresdner Gestapochef Henry Schmidt persönlich überwacht und von Erich Höhne, dem Betriebsfotografen von Zeiss Ikon, gefilmt.
Bis Kriegsende diente das Lager als „Ausländerkinderpflegestätte“ der Unterbringung von schwangeren Zwangsarbeiterinnen. Sie entbanden hier und mussten anschließend zur Arbeit zurückkehren. Die Kinder starben vernachlässigt in kurzer Zeit.
Nach Kriegsende wurden die Baracken abgetragen und das Gelände teilweise verfüllt, so dass von der Anlage, den Baracken, der Umzäunung und den Zugängen nichts zu sehen und wenig zu ahnen ist.

Zwangsarbeit in Dresden – Goehle-Werk der Zeiss-Ikon AG,
Heidestraße 4 (Ecke Großenhainer Straße)

Inhalt:
Ab 1938 wurden zwischen Riesaer Straße und Großenhainer Straße in Dresden-Pieschen für die Rüstungsproduktion das Goehle-Werk errichtet. Es handelte sich um einen reichseigenen Betrieb, der der privatwirtschaftlichen Firma Zeiss-Ikon zur Nutzung übergeben wurde.

„Im Juli 1941 wurde ich in Dresden zur Zwangsarbeit verpflichtet und kam zu Zeiss-Ikon ins Goehle-Werk. Wir wohnten sieben Kilometer von der Fabrik entfernt, und ich durfte anfangs noch mit der Straßenbahn fahren […] Bei Zeiss-Ikon gab es eine sogenannte Judenabteilung mit ungefähr dreihundert Leuten. […] Unser Meister war ein feiner Mensch, der überhaupt keine Notiz davon nahm, dass wir Juden waren. Wir arbeiteten im Akkord und stellten Zeitzünder und Uhrwerke für U-Boote her. Diese Arbeit erforderte hohe Konzentration, Fingerfertigkeit und gutes Augenmaß. Meine Augen haben unter dieser feinmechanischen Arbeit sehr gelitten, da wir täglich stundenlang ohne Pause bei künstlichem Licht mit Lupe und Pinzette arbeiten mussten. Zur gleichen Zeit wie wir kam auch eine Schicht von nichtjüdischen Arbeitern, mit denen wir aber keinen Kontakt haben durften. Schon auf der Treppe war ein Gitter angebracht, um jeglichen Kontakt zu unterbinden.[…]“ (Henny Brenner: Das Lied ist aus, 2001 S. S.60f)
Im November 1942 wurden durch Gestapoleitstelle Dresden, Kreisleitung der NSDAP und Werksleiter Johannes Hasdenteufel die Einrichtung des Lagers „Hellerberg“ für etwa 300 jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschlossen, die im Werk arbeiteten.
Am 2./3. März 1943 wurden sie ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur wenige von ihnen überlebten.
1944/45 beschäftigte Zeiss-Ikon mindestens 2.600 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie mehr als 1.000 KZ-Häftlinge und Häftlingsfrauen in seinen Werken in Dresden. Vom 9. Oktober 1944 bis zum 13. April 1945 arbeiteten im Goehle-Werk 700 Frauen aus Außenlagern des Konzentrationslagers Flossenbürg.
Nach dem 13. Februar 1945 kam die Rüstungsproduktion in Dresden zum Erliegen.

Nach 1945 wurden die Gebäude zunächst durch die „Sächsische Volkszeitung“ und als Varietétheater genutzt. Die „Sächsische Zeitung“ übernahm den Komplex als Druck-und Verlagshaus. Seit 1990 nutzen unterschiedliche mittelständische Unternehmen das Areal.

Verordnungen:
1938 Verordnung des „Geschlossenen Arbeitseinsatzes“ für jüdische Männer
25. Februar 1943 „Fabrikaktion“ – Das Reichssicherheitshauptamt legte fest, dass keine Juden mehr in Rüstungsbetrieben arbeiten dürfen.

Bild: Goehle-Werk, Fabrikfront Heidestraße, Aufnahme: 1949, SLUB, Deutsche Fotothek.

Kaufhaus Fanger, Oschatzer Straße 15

Inhalt:
1898 erbaute Benjamin Fanger (1860 – 1930 Dresden) auf der Oschatzer Straße 15 das Kaufhaus Fanger als Geschäfts- und Wohnhaus für seine Familie. Nach seinem Tod führte seine Ehefrau Frieda, geb. Wollenberg (1860 Gollub – 1943 Theresienstadt) zunächst das Geschäft weiter.
Deren Tochter Selma Lotte Fanger (1891 Berlin – 1943 Auschwitz) heiratete 1918 Moritz Auerbach (1883 Tremessen – 1943 Auschwitz). Dieser arbeitete zunächst als Abteilungsleiter in einem großen Dresdner Kaufhaus, bevor er in die Leitung des Kaufhauses Fanger einstieg. Selma Auerbach führte unter anderem eine Strumpfwarenhandlung im Erdgeschoss des Hauses.
1941 mussten beide in das „Judenhaus“ auf der Bautzner Straße 20 ziehen und Zwangsarbeit im Goehle-Werk leisten. Beide wurden am 23./24. November 1942 in das „Judenlager Hellerberg“ und nach Auflösung des Lagers am 2./3. März 1943 nach Auschwitz deportiert.

Im 2. Stock wohnte Elsa Fanger, die zweite Tochter (1893 Berlin – 1994 Australien), mit ihrem Ehemann Hermann Jacobsohn (1887 Carthaus/ Preußen – 1967 Chile). Sie emigrierten später mit ihrer 1930 geborenen Tochter Ingeborg.
Owsei Fanger, der Bruder von Benjamin Fanger, geboren 1875, von Beruf Schneider, wurde mit seiner Frau Fanny Fanger geborene Schmerzler, geboren 1888 in Kolomea und ebenfalls Schneiderin, am 28. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Beide überlebten, kehrten im Juni 1945 nach Dresden zurück und wurden aktive Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Ihr Sohn Alfred Fanger, geboren 1931, von den Eltern 1939 nach Belgien geschickt, wurde während der dortigen deutschen Besatzung verhaftet, am 31.07.1944 nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.
Ab 1933 vermietete Frieda Fanger Geschäftsräume an die Hava – Haus der vielen Artikel GmbH, geführt von Max Brecher und Max Rosenbaum.
Zum 1. April 1933, kurz vor Ostern, rief die NSDAP zum Boykott der jüdischen Geschäfte auf, das betraf auch dieses Geschäft. „Ein SA-Mann mit Gewehr stand vor dem Eingang, niemand kam herein, der Laden war leer. Der Chef forderte die Angestellten auf: ‘Nehmen Sie sich wenigstens vom Osterzeug!’ Aber den Verkäuferinnen war der Appetit vergangen. Im Frühjahr 1938 wurde das Foto gemacht. Der Nazi-Obmann stellte sich nicht mit dazu und wollte auch die Angestellten davon abhalten. Dann erfolgte die Geschäftsübergabe an Casper & Co, die ‘Arisierung’. Die Gründe erfuhren die Angestellten nicht. Es hieß nur: ‘Ab morgen gibt es einen neuen Geschäftsführer.` Danach gingen viele, auch ich. Es war eben nicht mehr so richtig.“(Aus dem Bericht von Käthe Widemann, damals Verkäuferin bei Hava)
Verordnungen:
14. Januar 1938 Dritte Verordnung zum Reichsbürgergesetz:
§ 1. (1) Ein Gewerbebetrieb gilt als jüdisch, wenn der Inhaber Jude […] ist.
(2) Der Gewerbebetrieb einer offenen Handelsgesellschaft oder einer Kommanditgesellschaft gilt als jüdisch, wenn ein oder mehrere persönlich haftende Gesellschafter Juden sind.
§ 17. Der Reichswirtschaftsminister wird ermächtigt, im Einvernehmen mit dem Reichsminister des Innern und dem Stellvertreter des Führers anzuordnen, dass Gewerbebetriebe, die in dem Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe eingetragen sind, von einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt ab ein besonders Kennzeichen führen müssen.
Bild 1: Das Kaufhaus Fanger auf der Oschatzer Straße 15 um 1900
Bild 2: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hava, Frühjahr 1938, wenige Wochen vor der Geschäftsübergabe

Gläserne Bänke im Großen Garten/ Blüherpark/ auf der Brühlschen Terrasse
Marion Kahnemann (Dresden)

Vom 12.08.1940 an war es Juden verboten, den Großen Garten und andere Parks zu betreten. Die gläsernen Bänke erinnern daran und regen zur Achtsamkeit an.

Horst Weigmann, Schießgasse
10. Juni 1920 – 8. oder 9. Januar 1944

Typ: noch keine Entscheidung
Arbeitstand: geplant

Inhalt:
Am 8. Januar 1944 wurde Toni Weigmann verhaftet und in das Polizeipräsidium Dresden gebracht. Sie wartete dort, gemeinsam mit anderen Juden, auf den Transport nach Theresienstadt. Ihr Sohn Horst Weigmann versuchte seine Mutter zu retten:
Aus einer Blech-Zigarettenschachtel schnitt er sich ein Oval in der Größe einer Dienstmarke der Gestapo. Dann zog er sich einen Staubmantel an, zog die Hutkrempe tief ins Gesicht und begab sich zum Gefängnis in der Schießgasse. Dort gab er sich als Gestapokommissar Schmidt aus und verlangte die „Herausgabe“ von Toni Weigmann und der anderen gerade Verhafteten. Unterdessen erschien der „echte“ SS-Mann Schmidt. Horst Weigmann wurde im Polizeipräsidium mißhandelt. Seiner Mutter wurde mitgeteilt, er habe sich erhängt, sie musste seiner Einäscherung zustimmen. Toni Weigmann wurde am kommenden Tag in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sie überlebte. Henry Schmidt wurde 1987 in Dresden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.
Quelle: Horst Busse, Udo Krause: „Lebenslänglich für den Gestapokommissar“
Heroische Köpenickiade.
Unter den vielen Todesanzeigen der Gefallenen (Hakenkreuz im EK zur Seite), Dresdener Zeitung. 19. 1. 44: „Vom Schicksal bestimmt, wurde mir mein einziger lieber Sohn, cand. Chem. Obgfr. Horst-Siegfried Weigmann, Kriegsfreiw., Inh. d. EK II, Teilnehmer am Polen- und Frankreichfeldzug, im schönsten Alter von 24 Jahren mitten im Studium plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissen. In tiefer Trauer Bruno Weigmann, Kammervirtuos, München.“ […] Seine Mutter, vom Vater geschieden, war Jüdin u. wurde neulich bei der letzten Aktion (LTI=Wort!) mitverhaftet. Der Sohn […] ging ins Polizeipräsidium, er sei Kommissar der Gestapo, wolle die Häftlingin sprechen und irgendwohin bringen. Er kam tatsächlich mit ihr bis an den Ausgang des Präsidiums; einmal draußen, hätte er sie in Sicherheit gebracht.[ …] Dort lief er einem Gestapobeamten in die Arme, der ihn kannte. Die Mutter ist jetzt in Theresienstadt, der Sohn hat sich in der Zelle erhängt. „Sich erhängt“ – wieweit war es Selbstmord? – Und dazu die Todesanzeige mit dem Feldzugskreuz! Aber der ist wirklich auf dem Felde der Ehre gefallen u. hat mehr Tapferkeit bewiesen als irgendein Soldat in der Schlacht.
Quelle: Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1942 – 1945. Eintrag vom 23. Januar [1944], Sonntag vormittag gegen elf Uhr

Wohnhaus des Ehepaars Klemperer, Am Kirschberg 19

Typ: Infostele auf Fußweg
Arbeitsstand: geplant

Inhalt:
Ab 1920 war Victor Klemperer (1881-1960) ordentlicher Professor für romanische Sprachen an der Technischen Hochschule Dresden. Eva Klemperer, geb. Schlemmer (1882 – 1951) war Pianistin und Musikwissenschaftlerin.
1932 erwarben Eva und Victor Klemperer das Grundstück und begannen, nach dem Entwurf des Architekten Karl Prätorius bauen zu lassen.
Nach dem Machtwechsel 1933 standen sie vor bedrückenden Finanznöten. Deshalb wurde das Haus aus Holz statt aus Mauerwerk errichtet. Gemäß der Bauvorschrift des Dritten Reiches, die nur „deutsche“ Häuser mit Steildach und Giebel zuließ, wurde der Entwurf angepasst. Bereits nach kurzer Zeit wurden die Klemperers Opfer von Anfeindungen und antisemitischer Hetze. „Ein gelber Zettel ‘JUDE. Warnung vor der fahnenlosen Pestbaracke’ klebte an jedem Pfeiler unseres Zauns“. (Victor Klemperer: Tagebuch am 5.4.1934)
Im Oktober 1934 bezogen sie dennoch das Haus. Eva Klemperer legte einen blühenden Garten an.
Am 30. April 1935 wurde Prof. Klemperer fristlos entlassen. Es folgten Hausdurchsuchungen und Repressalien durch die örtlichen Behörden.
Als ihm der Zugang zu Bibliotheken und das Abonnieren von Zeitungen und Zeitschriften verboten wurde, musste er seine wissenschaftliche Arbeit vorläufig einstellen.
Er beobachtete und beschrieb die Sprache des Dritten Reichs unter der Kurzbezeichnung LTI (Lingua Tertii Imperii) und führte gewissenhaft Tagebuch. Eva brachte die Tagebuchseiten regelmäßig zu ihrer Freundin Dr. Annemarie Köhler in Pirna, die sie dadurch bewahrte.
Im Mai 1940 mussten Klemperers in eins der Dresdner „Judenhäuser“ ziehen. Sie vermieteten ihr Haus an einen Gemüsehändler. Victor Klemperer leistete Zwangsarbeit.
Nach dem 13. Februar 1945 gelang dem Ehepaar die Flucht nach Bayern.

Im Sommer 1945 kehrten die Klemperers in ihr Haus zurück.
1951 starb Eva Klemperer.
Bis zu seinem Tod 1960 lebte Victor Klemperer hier mit seiner zweiten Frau Hadwig.
Eva und Viktor Klemperer sind auf dem Friedhof Dölzschen begraben.

Bild 1: Das ehemalige Wohnhaus von Eva und Victor Klemperer,
SLUB,Deutsche Fotothek, Aufnahme: Christian Borchert, November 1998
Bild 2: Porträt Victor Klemperer, SLUB, Deutsche Fotothek, Aufnahme: Ursula Richter, um 1930
Bild 3: Porträt Eva Klemperer (aufgenommen für ihre Kennkarte, ausgestellt am 13.12.1940 in Dresden), 1940 Dresden, SLUB,Deutsche Fotothek, Sammlungen, Inv.-Nr.: Mscr.Dresd.App.Klemperer,Hadwig
Aufnahme: unbekannter Fotograf
Bild 4: Eva und Victor Klemperer bei einer Ausfahrt mit ihrem gebrauchten Opel 1936, SLUB, Deutsche Fotothek, Sammlungen, Inv.-Nr.: Mscr.Dresd.App.Klemperer, Hadwig
Aufnahme: unbekannter Fotograf

Verordnungen:
7. April 1933 „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“
12. April 1933 Ausführungsbestimmungen zum Beamtengesetz: Sie legten fest, wer Jude sei.
Dezember 1938 Richtlinien der Arbeitsverwaltung für den „Geschlossenen Arbeitseinsatz“ für Juden
1. April 1940 Einrichtung von sogenannten „Judenhäusern“ in Dresden durch Kreisleitung der NSDAP und Stadtverwaltung.

Zeugnisse:
1947 erschien das Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“

„Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse.“

„Am Abend dieses 13. Februar brach die Katastrophe über Dresden herein: die Bomben fielen, die Häuser stürzten, der Phosphor strömte, die brennenden Balken krachten auf arische und nichtarische Köpfe, und derselbe Feuersturm riß Jud und Christ in den Tod; wen aber von den etwa 70 Sternträgern diese Nacht verschonte, dem bedeutete sie Errettung, denn im allgemeinen Chaos konnte er der Gestapo entkommen.“
1995 erschienen die Tagebücher von Victor Klemperer unter dem Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“.