Reaktionen auf den „Weg der Erinnerung“

„So schlimm hatten wir uns das nicht vorgestellt!“ – so die spontane Reaktion einiger Schüler und Schülerinnen, als sie sich mit Verlautbarungen und Dokumenten der Evangelischen Landeskirche zum Umgang mit getauften Juden in der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigten. Sie waren fassungslos darüber, in welchem Ausmaß das Landeskirchenamt die Gesetze, die der NS-Staat gegen die jüdische Bevölkerung erließ, auf die Sächsische Landeskirche übertragen hat.

Am letzten Sonntag fand zum 28. Mal der „Weg der Erinnerung an den Novemberpogrom 1938“ statt, eine Fahrradtour auf den Spuren jüdischen Lebens in Dresden. Schulklassen und Jugendgruppen recherchieren vorab zum Thema und stellen an den Stationen ihre Ergebnisse vor. In diesem Jahr beschäftigten sie sich mit der Rolle und dem Verhalten der Kirchen im Nationalsozialismus.

Diese Fassungslosigkeit der jungen Menschen ist eine wichtige Spur, denn sie führt zu beunruhigenden Fragen: Warum haben die Kirchen den Nationalsozialismus und das Hitler-Regime mit befördert und unterstützt? Warum wurden Christen zu willigen Vollstreckern von Rasse-Ideologie und Unmenschlichkeit? Warum wurde der biblische Grundsatz von Würde und Gleichheit aller Menschen und das Gebot der Nächstenliebe scheinbar mühelos ausgetauscht gegen elitäres Rassedenken und Abwerten anderer Menschen, nur, weil der „Zeitgeist“ dieses vorgab? Schlussendlich die Frage: Warum haben sich so viele Menschen un-menschlich und un-christlich verhalten?

Erinnern heißt, Zeichen in der Gegenwart zu erkennen. Heute, 81 Jahre nach dem Pogrom, hören wir wieder abwertende, hetzende und gewaltvolle Parolen, Drohungen und Reden gegen andere Menschen – v.a. im Internet, aber auch auf der Straße und zunehmend in unseren Parlamenten. Wir wissen aus der Geschichte, dass gewaltvollen Worten gewaltvolle Taten, Zerstörung und Vernichtung folgen. Das Attentat am 9.Oktober 2019 in Halle hat das klar gezeigt.

Das fordert uns heraus, menschliches und christliches Handeln zu bewahren und zu fragen, wie ein solches konkret aussieht. Aus meiner Sicht ist wichtig:

Wachsam sein für Sprache und Handeln. Auch in uns selbst streiten Angst und Hoffnung, Glaube und Verzweiflung. Es braucht immer wieder Selbstvergewisserung: Wem höre ich zu? Wer motiviert mich, was zu sagen und zu tun? Wofür brenne ich? Wozu bekenne ich mich? Wofür setze ich mich ein?

Gespräche. Immer wieder. Mit denen, die mich stärken in meinen Überzeugungen, aber auch mit denen, die andere Auffassungen haben, solange sie sich tatsächlich auf dem Boden des Grundgesetzes befinden. Ansonsten widersprechen. Lernen, den anderen auszuhalten in seinem Andersdenken.

Mich engagieren in Initiativen, Vereinen, Kirchgemeinden für etwas, das mir wertvoll ist. Zusammenkommen, sich nicht vereinzeln zu lassen, einander zugewandt bleiben, sich die Freude an einer offenen, vielfältigen Gesellschaft von niemandem nehmen lassen. Vor 30 Jahren beteten und demonstrierten mutige Menschen, darunter viele Christen, für eine solche Gesellschaft in Freiheit und Demokratie. Dieses Geschenk sollten wir schützen und verteidigen – im Namen Gottes und im Namen des Menschen.

Franziska Mellentin, kath.Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden